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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1915.
sie getrennten Schichten erweist sich uns, je näher wir sie kennen lernen, als
immer gegensätzlicher, Ihre Haupteigenschaften sind in der folgenden Tabelle
einander gegenübergestellt:
Nr.
2
3
Temperaturverhältnisse,
Wolkenbildung.
Art der Luftströmung.
Troposphäre | Stratosphäre
{0 bis 10 km) (10 bis >30 km)
Abnahme nach oben; angestrebt
wird: Konstanz der potentiellen
Temperatur und der Entropie,
konvektives Gleichgewicht,
Zone der Wolken.
Turbulente Bewegung.
Keine ‚Änderung nach oben; an-
gestrebt wird: Konstanz der aktu-
ellen Temperatur und der Energie,
Strahlungsgleichgewicht.
Zone dauernder Wolkenlosigkeit.
Geradlinige Bewegung.
Während so ein großzügiges, einfaches Gesetz an einer Stelle gefunden
wurde, wo man gar keins erwartete, haben sich diejenigen Fragen, deren Be-
antwortung man in erster Linie von den aerologischen Experimenten erhoffte,
als überraschend verwickelt herausgestellt. Viele theoretisch anscheinend gut
begründete Vorstellungen, für welche die Aerologie nur noch die zahlenmäßigen
Beweise liefern sollte, haben sich als ganz‘ verkehrt erwiesen, und an mehr als
einer Stelle sind wir heute genötigt, ein Fragezeichen zu setzen, wo wir vor
Einführung der Drachen- und Ballonbeobachtungen eine schöne Theorie besaßen.
Die Haupttatsachen, die durch die bisherigen Beobachtungen festgestellt
sind, sind folgende:
Am Ägquator reicht die Temperaturabnahme viel höher hinauf als in
Europa, nämlich durchschnittlich bis etwa 15km statt 10 km. Die Folge ist,
daß an ihrer oberen Grenze gerade über dem Äquator die tiefsten überhaupt
in der Natur gemessenen Temperaturen beobachtet werden. In 15 km Höhe
über dem Erdboden ist die Temperatur über dem Äquator 17° bis 18° tiefer
als in gleicher Höhe über Norddeutschland, während die Temperatur am Erd-
boden dort um den gleichen Betrag höher ist als hier. Die Schicht der stärksten
Temperaturabnahme nach oben (abgesehen von
Fig. 1. derjenigen am Erdboden) findet sich in Europa
Unterschied nimmt durchschnittlich bei 7 bis 8 km, am Aquator
nach oben: erst oberhalb 10 km Höhe.
Die zweite wichtige Tatsachenreihe be-
zieht sich auf die Anderung der vertikalen
Temperaturverteilung mit der Jahreszeit. Die
Grenze zwischen Troposphäre und Stratosphäre
liegt im Sommer und Herbst höher als. im
Winter und Frühling (in Mitteleuropa: März
9 bis 10 km, August bis Oktober 11 bis 12 km).
Die vertikale Temperaturabnahme reicht also
im Sommer höher hinauf als im Winter. Da-
mit hängt unmittelbar zusammen, daß die
Jahresschwankung der Temperatur in der
Schicht zwischen den genannten Höhengrenzen
von unten nach oben abnimmt, wie die kürz-
. lich von Köppen entworfene schematische
“ | | Figur 1 (siehe Meteor. Zeitschr. Juli 1914) ver-
Schema der vertikalen Temperaturverteilung anschaulicht. In dieser bedeuten die Ordinaten
MOM Inder Seehöhen (km), die Abszissen die nach oben
im allgemeinen abnehmenden Temperaturen. Die linke Kurve zeigt die Tempe-
raturverteilung im Winter, die rechte im Sommer, die Länge der horizontalen
Linien dazwischen also den Temperaturunterschied beider Jahreszeiten. Da
auch die Schicht stärkster Temperaturabnahme im Winter niedriger liegt als