2418
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1913.
Ich suchte daher nach einem Mittel, die einzelnen Gezeitenkurven durch
Zahlenreihen darzustellen, aus denen sie sich jederzeit mit genügender Genauigkeit
rekonstruieren ließen und außerdem die Möglichkeit boten, sie beliebig rechnerisch
zu verwerten, indem die einzelnen Zahlenreihen nach bestimmten Gesichtspunkten
zusammengefaßt, geordnet und gemittelt werden können.
Dieses Mittel bietet der von mir gemeinsam mit dem technischen Sekretariats-
Aspiranten M. Wagner entworfene Apparat zur Auswertung von Gezeitenkurven
{nach Vorschlag von Herrn Wagner »Gezeitenkurvenauswerter« genannt), der
im wesentlichen eine Kombination einiger einfacher in der Physik und Astronomie
vielfach verwendeter Instrumente bildet. Der Apparat ist seit etwa einem Jahre
beim Strombau- Ressort der Kaiserlichen Werft zu Wilhelmshaven dauernd im
Gebrauch und hat sich in jeder Beziehung bewährt. Es mag zunächst kurz die
Art, wie der Apparat arbeitet, erläutert und vorausgeschickt werden, daß die
Arbeitsleistung ungefähr dieselbe ist, wie sie zur obenerwähnten Herstellung einer
mittleren Flutkurve aufgewandt werden mußte, daß aber nach dieser Arbeit die
einzelne Kurve dauernd festgelegt ist und die Ablesungen rechnerisch in jeder
beliebigen Weise verwertet werden können. Ich möchte sogar behaupten, daß
man nach der Bearbeitung nur in den seltensten Fällen auf die Originalkurven
zurückzugreifen braucht.
Die Kurve wird nämlich in ihren beiden Teilen, dem Steigen vom Niedrig-
wasser (NW) zum Hochwasser (HW) und dem Fallen von HW zu NW gesondert
bearbeitet, und zwar sowohl Flut wie Ebbe in eine bestimmte Anzahl gleicher
Zeitintervalle geteilt und die zu den einzelnen Teilpunkten zugehörigen Wasser-
stände abgelesen, die nunmehr völlig gleichmäßig über die ganze Dauer des
Steigens bzw, Fallens verteilt sind. Da in Wilhelmshaven die Dauer des Steigens
wie des Fallens im Durchschnitt 6!/, Stunden beträgt, so lag es nahe, hier die
6- oder 12-Teilung zu wählen.!) Die letztere ist durchgehend benutzt worden.
In Tabelle I sind einige solcher durch je 25 Zahlen dargestellter Gezeitenkurven
des selbstschreibenden Pegels zu Wilhelmshaven zusammengestellt nach einem
Schema, wie es für das Kaiserliche Observatorium zu Wilhelmshaven ent-
worfen ist.
Als Tide habe ich .hierbei den Gezeitenverlauf von NW über HW zum
folgenden NW gewählt.
In der ersten Kolumne ist außer dem Datum noch V = Vormittag und
N — Nachmittag vermerkt, und zwar mit Beziehung auf die zur Tide gehörige
Hochwasserzeit. In den nächsten Kolumnen folgen die zwölf Ablesungen, die
über den Verlauf des Steigens gleichmäßig verteilt sind, sodann die entsprechenden
des Fallens vom Hochwasserstande bis zum Niedrigwasser, Diesen 25 Wasser-
ständen füge ich die Dauer des Steigens und Fallens, Zeit des NW, HW, NW,
den Tidenhub (Unterschied der Wasserstände des ersten NW und des HW), den
Tidenfall (Unterschied der Wasserstände des HW und des zweiten NW),
meteorologische Mittelwerte während des Verlaufs der Tide, sowie das Alter des
Mondes zur Zeit des HW bei. Der Ausdruck Tidenfall ist bisher ungebräuchlich,
ich glaube aber, daß seine Einführung nicht überflüssig ist, da sie den Betrag
des Fallens des Wassers anschaulich bezeichnet und außerdem aus den beiden
Werten Tidenhub und Tidenfall sofort der Betrag der täglichen Ungleichheit er-
mittelt werden kann. Die halbe Differenz der nebeneinander stehenden Werte
ist nämlich die tägliche Ungleichheit für NW, die halbe Differenz eines Tiden-
falls und des folgenden Tidenhubs aber die tägliche Ungleichheit für HW. Als
meteorologische Elemente (Windrichtung und Stärke, sowie Luftdruck) setze ich
Mittelwerte während des Verlaufs der Tide an, und zwar entnehme ich sie den
Wetterkarten der Deutschen Seewarte, für das Meeresgebiet Borkum, Helgoland,
Jadebusen, da zu vermuten ist, daß die Wetterverhältnisse dieses Gebiets den
entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung der Wilhelmshavener Tide in meteoro-
logischer Beziehung haben werden. Um die Tide auch in astronomischer Hinsicht
zu charakterisieren, ist in der letzten Kolumne das Alter des Mondes —23/, Tage
) Bei der 6-Teilung wird ein Teil als »Tidestunde« bezeichnet.