Prüfer, G.: Die Eisverhältnisse in d. deutschen u. d, ihnen benachbarten Ost- u. Nordseegebieten. 37
Sommertemperatur also Null oder nahe bei Null war. Die übrigen Werte (24 von 33)
wurden in ein Koordinatensystem eingetragen, in dem die Ordinate den Anomalien
der Eiswerte, die Abszisse den Anomalien der Wintertemperaturen zugeordnet
wurden (vgl. Abb. 1). Der dritte Parameter, die Anomalie der Sommertempe-
raturen, kam dadurch Zur Geltung, daß die zu einer positiven Anomalie der
Sommertemperatur, also zu einem Wärmeüberschuß gehörenden Wertepaare durch
offene Kreise, die zu einer negativen Anomalie — einem Wärmeunterschuß —
gehörenden durch Punkte bezeichnet wurden. Beide Gruppen wurden rechnerisch
durch eine Gerade ausgeglichen. Es zeigt sich nun, daß die zu warmen Sommern
gehörenden Eiswerte für gleiche Wintertemperaturen kleiner sind als die auf
kühle Sommer folgenden. Z,.B. liegt bei einem strengen Winter (Anomalie der
Wintertemperaturmittel — 5°) der Eiswert nach einem vorangegangenen kühlen
Sommer um fast 50 Einheiten höher als nach einem warmen Sommer, was etwa
25 Eistagen mit „Schiffahrt für Dampfer behindert“ entspricht. Hierbei ist noch
zu bemerken, daß die positiven Sommeranomalien im Durchschnitt bei + 0.6°,
die negativen bei — 0.6° liegen. Daß beide Geraden mit zunehmendem Tempe-
raturmittel der Winter zusammenlaufen, ist einzusehen. Sie müssen sich dort
schneiden, wo die winterlichen Temperaturen so hoch liegen, daß überhaupt kein
Eis entsteht. Da dies bei Königsberg nie der Fall ist, konnte diese Bedingung
hier nicht erreicht werden. Möglicherweise ist auch die Anzahl der benutzten
Werte noch zu klein, Was gezeigt werden soll, ist indessen, auch aus obigem
Beispiel, deutlich zu erkennen: der Einfluß des vorangegangenen Sommers auf
die Vereisung ist sehr groß und darf bei einer geophysikalischen Betrachtung
nicht vernachlässigt werden. Das Ergebnis ist jedoch nicht quantitativ zu werten,
da die Einheiten der Sommeranomalien nicht quantitativ berücksichtigt worden
sind (hierzu hätte die Beobachtungsreihe größer und die Ausschaltung anderer
störender Faktoren — Geschlossenheit der Frostperiode, Wind — weit sicherer
sein müssen), weshalb auf die Mitteilung des zahlenmäßigen Ergebnisses der
Ausgleichung verzichtet wurde.
Da mit dieser Betrachtung auch der Begriff des Eiswertes seine physika-
lische Brauchbarkeit erwiesen hat, so wurde er als Grundlage für die Definition
der vier Wintertypen gewählt. Auf Grund des mittleren Eiswertes für die
gesamte Beobachtungsperiode sowie der Lage der Extremwerte wurde nun, mit
gewisser Abschätzung, definiert:
Milde Winter: Eiswert < 25.
Mäßige Winter: 25 < Eiswert < 75.
Strenge Winter: Eiswert > 75.
Sehr strenge Winter: Mittelwerte der strengen Winter + Streuung.
Hierbei wurde der aus allen deutschen Beobachtungsgehieten errechnete mittlere
Eiswert jedes Winters benutzt, um einen einheitlichen
klimatologischen Standpunkt zu wahren. Diese Gradu-
ijerung der einzelnen Winter wurde nur dort variiert,
wo völlig andere klimatologische Bedingungen dazu
zwangen, z. B. an der schwedischen Ostküste, die in
manchen Wintern im Bereich eines nordöstlichen Kälte-
stromes der Luft lag, also einen strengen Winter hatte,
während die südliche Ostsee mitsamt ihren Zugängen
von einer atlantischen Westströmung beherrscht wurde.
Die nebenstehende Übersicht gibt an, welche Winter
nach obiger Definition zu Mittelwerten vereinigt wurden.
Als sehr strenge Winter, die gewissermaßen nur ein
rechnerisches Ergebnis darstellen, indem zu den Mittel-
werten der strengen Winter die Werte der Streuung
hinzutreten, kann man die Winter 1928/29, 1939/40
bezeichnen. }
Für die mittlere OÖtsee (nördlich von Kalmar)
gelten noch folgende Verschiebungen: als strenge Winter
kommen hinzu die Winter 1915/16, 1925/26, als mäßige