Köppen: Die Gewitterböe vom 10. Juli 1896 in Ostholstein.
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hier also beträgt die lebendige Kraft, mit welcher das Wasser der brandenden
Sprung welle feste oder verankerte Objekte trifft, ungefähr das Doppelte von
derjenigen der Fluthströmung selbst und oft noch viel mehr.
In dem Beispiel des Tsien-tang-kiang läfst sich, wenn man für den Fufs
des Wassersprunges nach S. 472 die Tiefe des Ebbestromes zu 0,5 m und seine
mittlere Geschwindigkeit zu 2,8 m p. S. annimmt, die Wasserzufuhr von beiden
Seiten berechnen. Nennt man die Breite des Aestuariums, die ja auf kurze
Strecken als konstant angenommen werden kann, b, so wird in jeder Sekunde
in der Sprungwelle demselben ein Wasserprisma vom Volum 6,4-3,0.b= 19,2-b
Kubikmeter zugeführt. Hiervon werden 2,8-05+.b== 1,46 Kubikmeter durch
die Ebbe geliefert, der Rest durch die Fluth; die mittlere Geschwindigkeit, mit
der das Wasser den Flufsquerschnitt in der Sprungwelle aufwärts passirt, mus
17,8:3,5 oder 5,1 m in der Sekunde sein, also um 1,3 kleiner, als die Fort-
pflanzungsgeschwindigkeit dieser Welle. Da aber nichts darüber bekannt ist,
wie die Geschwindigkeit in den verschiedenen Theilen resp. Tiefen der Sprung-
welle ist, so ist dennoch durchaus möglich, dafs die Geschwindigkeit der Wasser-
theilchen an der Oberfläche der Sprungwelle auch vor ihrer Brandung nicht nur
gleich, sondern größer als deren Fortpflanzungsgeschwindigkeit ist, da sie in
der Tiefe gewifs geringer ist.
Wie bei der Sprungwelle in der Mündung des Tsien-tang-kiang, so steigt
nach Weifsbach (a. a. 0. S. 184) auch beim gewönlichen Wassersprung die Ober-
fläche des Wassers noch eine längere Strecke flufsabwärts vom Sprunge
langsam an.
Das, was allen diesen Erscheinungen — auch der Böe — den eigenthüm-
Jichen Charakter verleiht, die Steilheit der „Gradienten“ in der Welle, ist bei
der Bore-Welle ebenso, wie nach meiner Ausführung auf S. 720 der zweiten
dieser Abhandlungen (1882) zum Theil auch bei den Böen, der schnelleren
Vorwärtsbewegung der oberen, weniger durch Reibung behinderten Schichten
zuzuschreiben. Worin dagegen die Ursache zu dieser Steilheit beim gewöhnlichen
Wassersprung liegt, oder, was dasselbe ist, warum die Aenderung der Strom-
geschwindigkeit von v in w so plötzlich zu geschehen pflegt, ist mir nicht
genügend ersichtlich. Eine allmähliche Verlangsamung würde natürlich nur ein
allmähliches Ansteigen zur Folge haben.
In allen diesen Phänomenen geht gewöhnlich mit der Ausbildung der
Druck- oder Niveaustufe die Bildung zahlreicher kleinerer Wellen Hand in
Hand, je stürmischer die Bewegungen sind, um so mehr, wie man dies überall
sehen kann, wo Wasser unter starkem Gefälle in relativ ruhiges Wasser hineinschießt,
wie an Ueberfällen bei Schleusen, Wehren etc. Ebenso zeigen die Barographen-
Even bei Böen neben dem großen Sprung eine Anzahl von kleinen, kurzen
ellen.
Der Vergleich mit der Bore und dem Wassersprung dürfte für die: Böen
vom 9. August 1881 uud vom 10. Juli 1896, bei denen die Druckänderung haupt-
sächlich aus einer plötzlichen Zunahme des Druckes bestand, zutreffend sein.
Aber bei vielen Gewitterstürmen folgt auf dies Emporschnellen sogleich ein an-
nähernd ebenso tiefes Fallen des Barometers; statt der Druckstufe treten eine
oder mehrere Zacken oder Nasen im Barogramm auf (vgl. unter vielen Anderen
die Barogramme auf S. 448 bis 449 des Jahrg. 1887 der „Meteor, Zeitschr.“)
Solche Fälle dürften durch die Verknüpfung mit regelmäfsigen Wasserwellen
nach Helmholtz’ Untersuchungen ihre Erläuterung finden, wenn erst das Beob-
achtungsmaterial zur Analyse einzelner Fälle ausreichen wird. Vor Allem wird
es erforderlich sein, die dem Buys-Ballotschen Gesetz oft widersprechenden
Windrichtungen während dieser Barometerbewegungen (vgl. z. B. das Diagramm
in Sprungs Lehrbuch S. 289) genügend zu erklären, was bei der mangelhaften
Kenntnifs der gleichzeitigen Bewegungen der übrigen Luftschichten freilich
schwierig sein wird (s. Met. Zeitschr. 1887, S. 452). Hier liegt noch ein weites
Feld für die Untersuchung offen; die mathematische Behandlung der Mechanik
einzelner Gewitterböen ist noch fast gar nicht versucht worden, verspricht aber,
wenn erst das Beobachtungsmaterial dazu ausreicht, die meiste Förderung der
Erkenntnifs von deren Natur und Gesetzen. .
So viel bis jetzt bekannt, fällt in echten Böen der starke Wind zeitlich
immer mit raschem Steigen des Barometers zusammen und erreicht er sein Ende,