552 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1896.
dessen Stärke so grofs ist, dafs eventuell zerstörende Wirkungen in ihm zu er-
warten sind. Im Grofsen und Ganzen genommen, kann Fig. 20b als Schema
eines Tornado, Fig. 20c als das eines orkanmäfsigen Theiles einer Büe gelten,
eines „Derecho“ im Sinne von Prof. G. Hinrichs.?)
Die in Fig. 20a dargestellten Verhältnisse sind besonders interessant
dadurch, dafs die Spur eines solchen Phänomens sehr nahe demjenigen Schema
entsprechen muß, welches auf Fig. 20d dargestellt ist, und das auf die Zerstörungen
vieler amerikanischen Tornados und insbesondere der in Schweden untersuchten
Windhosen pafst;?) der mittlere Theil der Spur, in dem die Bäume vorwärts
liegen, entspricht dem ebenso punktirt abgegrenzten Theil des Wirbelringes in
Fig. 20a, wo die Windstärke auf der Vorderseite noch nicht genügte, Zerstörungen
zu veranlassen, auf der Rückseite aber die größte Windstärke des ganzen Wirbels
sich findet; diese mittlere Strafse liegt also keineswegs auf der Bahn des Wirbel-
centrums, sondern rechts von der letzteren: Voraussetzurg dabei ist, dafs die
grofsen Windstärken nicht bis ans Wirbelcentrum heranreichen, sondern in jedem
Moment ein etwa sichelförmiges Gebiet einnehmen, dessen Mitte in den rechten
hinteren Oktanten fällt. In Fig. 20d bezeichnet 1 die Richtung der zuerst ge-
jallenen, 2 die der darüber liegenden Bäume. Unterliegt die Stärke des Wirbels
am Erdboden aus irgend welchen Ursachen periodischen Schwankungen — Pul-
sationen —, wie man dies bei nordamerikanischen Tornados öfters beobachtet
hat, so liegen die Bäume 1 und 2 nicht übereinander, sondern bilden einzelne
konvergirende Fächer, wie sie Herr Blasius aus dem West-Cambridge-Tornado
beschrieben hat, vgl. sein Buch: „Storms, their Nature etc.“, Philadelphia 1875,
Tafel I.
Auch die Vertheilung der am rechten und linken Rande der Verwüstungs-
spur der Oldenburger Windhose entspricht ungefähr diesem Schema. Dagegen
Jäfst sich in den von mir untersuchten Verwüstungsspuren von Gewitterböen
— auch in der des Crossener Orkans — ein durchgreifender Unterschied zwischen
rechtem und linkem Rand nicht nachweisen, auch nicht in der abgeschwächten
Form, wie man ihn nach Fig. 20c erwarten mülfste. Im Sturm vom 9. August
1881 waren die Zerstörungen zu vereinzelt; im Sturm vom 10, Juli 1896 zeigten
ihre Richtungen, wie oben schon nachgewiesen ist, keine regelmäfsige Ver-
theilung. Auch die Zerstörungen des Orkans von Crossen, unter denen alle
Richtungen vertreten waren, boten folgende Procentzahlen der aus den ver-
schiedenen Richtungen (auf 16 red.) gefallenen Objekte, deren über 600 gepeilt
wurden:
‚EIEE| 5| I! VIE HH ‚ala|8
m | Ef * a ea
a E|E|E|= [EEE 30 '8]a|8 = 2 88
Linker Rand. . | 0 0 2. 20114117
Mitte. 0.0.00 1,1245 Ei
Rechter Rand .'l10!1 O2 6‘ 3 | 153110136 1
°
r
£
1'828
“1111
nal a
2
Das Resultat erscheint undeutlich, weil die Stofsrichtungen aus SW bis
SSE in fast gleicher Weise in allen drei Streifen vorherrschen. Allein wenn
man den Horizont in zwei Hälften theilt, ESE bis NW und WNW bis SE, 8o
bietet sich doch ein recht ausgeprägtes Bild dar:
1) Bekanntlich ist Prof, Hinrichs in Iowa City lange Zeit der Einzige in Amerika ge-
wesen, der den Böen seine Aufmerksamkeit zugewendet und sie klar von den Tournados unter-
schieden hat, die ja das Interesse dort so ausschliefslich in Anspruch nahmen, dafs auch die Gewitter-
‘orschung dort erst in neuester Zeit und zwar durch die New England Meteorologieal Society, in
Angriff genommen ist; erst ganz neuerdings hat auch das Weather Bureau das Studinm der Gewitter
in sein Programm aufgenommen. Hinrichs bezeichnete die Erscheinung in den Jahren 1881 bis
1882 als „Squall“ oder „Iowa Syuall“, dann aber verwendete er, der Analogie mit „Tornado“ zu
liebe, das spanische Wort für „gerade“, derecho zur Bezeichnung dieser Phänomene. Will man,
wie dies auch Hinrichs anscheinend thut (vgl. seinen Aufsatz: Tornadoes and Derechos im „Amer,
Meteor. Journal“ Vol. V, S. 308 ff.), den Ausdruck nur für den orkanmäfsigen, eine Zerstörungsspur
hinterlassenden "Theil einer Büe anwenden, so ist er berechtigt, weil es hierfür an einem Namen
fehlt; für das Phänomen als Ganzes ist der volksthümliche Ausdruck Böe (engl. squall, franz. grain)
durchaus vorzuziehen,
2) Vgl. z. B.: „Tornado von Providence“, Reye: Wirbelstürme S. 72, und: „Trombe bei
Wimmerby“, „Meteor. Zeitschr.“ 1891, S. 70 u. Tafı MI.