Börgen: Ueber die Berechnung eines einzelnen Hoch- oder Niedrigwassers.
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sucht. Darwin geht davon aus, dafs man dem Seefahrer nur die allernoth-
wendigsten Rechnungen überlassen solle und dafs diese in den thunlichst ein“
’achsten Operationen bestehen sollten; dabei sollen möglichst nur solche Gröfsen
gebraucht werden, mit denen der Seemann ohnehin vertraut ist und die er ohne
besondere Mühe im Nautical Almanac finden kann. Dies Ziel wird in sehr voll-
kommener Weise erreicht, aber die nothwendige Folge ist, dal die Tabellen
sich sehr umfangreich gestalten, weil sie für jeden Ort besonders berechnet
werden müssen. Die aus dem Nautical Almanac zu entnehmenden Gröfsen sind:
Zeit der Mondkulmination, Parallaxe (x) und Länge des aufsteigenden Knotens
der Mondbahn (Q). Man entnimmt nun für den betreffenden Ort aus den ein
für alle Mal berechneten Tabellen mit der Zeit der Mondkulmination und der
Zeit des Jahres (die Tabellen sind von 20 zu 20 Minuten der Mondkulmination
and von 10 zu.10 Tagen berechnet), 10 Gröfsen, 5 für die Berechnung der
Zeit und 5 für die der Höhe, und findet daraus das Intervall zwischen der Zeit
der Mondkulmination und der des gesuchten Hoch- oder Niedrigwassers
= J+i+ Mcos 2 + Nsin 2 + R (x — 57%,
welches zu der Zeit der Mondkulmination hinzuaddirt die Zeit des Hoch- oder
Niedrigwassers ergiebt. Ganz analog wird die Höhe des Wassers über dem
Niveau der Lothungen gefunden
— H+h+ TcosR2 + Qsin Q + 8S (x — 57).
Man ersieht hieraus, dafs die schliefsliche Berechnung von Zeit und Höhe
von Hoch- und Niedrigwasser, wie sie von dem Benutzer der Tabelle auszuführen
ist, eine sehr einfache ist, welche von Jedermann ohne Weiteres geleistet werden
kann. Eine in der erwähnten Ausdehnung berechnete Tabelle umfafst für jeden
Ort 36 Seiten, und da man rechnen kann, dafs jetzt für etwa 50 bis 60 Orte
gute harmonische Konstanten vorhanden sind, so leuchtet ein, dafs die Gesammtheit
der Tabellen einen sehr bedeutenden Umfang erreichen wird, wenn auch in ein-
zelnen Erdgegenden, beispielsweise im Atlantischen Ocean, wo die eintägigen
Tiden eine geringere Rolle spielen, Kürzungen eintreten können, durch welche
der Umfang. der Tabellen etwas beschränkt wird. Hierbei darf jedoch nicht
außer Acht gelassen werden, dafs die Tabellen für alle Zeiten gültig sind und
daher nur einmal beschafft zu werden brauchen.
Der große Umfang der Tabellen sowie der Umstand, daß wohl noch
jängere Zeit vergehen wird, ehe die Dar win’schen Tafeln zugänglich sein werden,
wie auch das wissenschaftliche und praktische Interesse, welches sich in jeder
Hinsicht an die Aufgabe knüpft, veranlafsten Verfasser dieses, zu versuchen, ob
sich nicht eine Methode finden lasse, welche bei gleicher Genauigkeit wie die
Darwin’s mit mäfsigem Aufwande von Arbeit ein einzelnes Hoch- oder Niedrig-
wasser für jeden Ort, dessen Konstanten bekannt sind, zu berechnen erlaubte
and dabei nur geringen Raum für Hülfstabellen u. 8. w. beanspruchte. Die im
Nachfolgenden dargelegte Methode muthet dem Rechner nun zwar eine nicht
unbedeutend gröfsere Arbeit und auch ein gröfseres Verständnifs für die auszu-
%iıhrenden Operationen zu als die ausführlichen Tabellen von Darwin und kann
in Bezug auf Einfachheit nicht mit dem letzteren Verfahren konkfrriren; indessen-
hofft der Verfasser, dafs die Arbeit in mancher Hinsicht sich nützlich erweisen
werde, nicht nur dadurch, dafs sie die Möglichkeit gewährt, ein einzelnes Hoch
oder Niedrigwasser mit nicht zu grofser Mühe und erheblicher Genauigkeit zu
berechnen, sondern auch dadurch, dafs sie das Verständnifs für die Bedeutung
der harmonischen Konstanten wie auch der Flutherscheinungen selbst fördert.
Von früheren Methoden, mit denen die hier auseinandergesetzte sonst viel ge-
mein hat, weicht sie dadurch ab, dafs die harmonischen Konstanten des be-
treffenden Ortes direkt benutzt werden und dal mit Winkelgröfsen gerechnet
wird, welche der Zeit Broportional sich ändern, während die jetzt üblichen
Methoden die ungleichmäfsig sich ändernden wahren .Kulminationszeiten, Dekli-
nation und Parallaze der Himmelskörper benutzen. Liegt hierin einestheils
ein Vortheil der Bequemlichkeit, weil die Interpolation eine sehr einfache wird,
so tritt dadurch aber andererseits die Nothwendigkeit ein, besondere Ephemeriden
zu geben, welche jedoch den Umfang einer Druckseite nicht zu überschreiten