Vierteljahrs-Wetter-Rundschau der Deutschen Seewarte, Winter 1886—87, 331
„Felix Mendelssohn‘ den St. Georgs-Kanal. Einen Tag früher, als dies Schiff
nach Tuskar, gelangte die Bark „Der Nordpol“ nach Lizard. .. Dieselbe hatte
schon am 15. Januar die Insel Trinidad verlassen und also 67 Tage. zur Vollen-
dung ihrer Reise gebraucht. Das augenscheinlich nur langsam segelnde Schiff
war auf See mit dem dort zunächst angetroffenen Passat in langsamer Fahrt
nordwärts gesegelt, bis zu der am 30. Januar in der Nähe von 29,5° N-Br und
65,5° W-Lg angetroffenen Passatgrenze, Bevor dann aber durchstehender. West-
wind gefunden wurde, verging noch eine geraume Zeit. Würde nach dem Ver-
lassen des Passatgebietes entschiedener danach gestrebt worden sein, . höhere
Breiten zu erreichen, so würde die Fahrt wahrscheinlich häufiger von Westwinden
begünstigt worden sein und einen rascheren Verlauf genommen haben. Am
24. Februar überstand „Der Nordpol“ jenen, von „Felix Mendelssohn“ schon am
23. Februar beobachteten und in dessen Reisebericht erwähnten Sturm, obgleich
die Schiffe damals nicht. weniger als 20 Längengrade von einander entfernt
standen. . Während bei „Felix Mendelssohn“ die gröfste Windstärke aus Nord-
nordwest beobachtet wurde, wehte der Sturm bei „Der Nordpol“ nur aus süd-
westlicher Richtung. Nach langer Verzögerung, die durch Östwinde auf der
zweiten Reisehälfte verursacht wurde, erreichte „Der Nordpol“ endlich am 23. März
die Kanalmündung.
3. Reisen von Nord nach Süd.
Von den 28 Schiffen, welche während des hier in Betracht kommenden
Winters Reisen nach dem Süden ausführten, traten zwei ihre Reisen von New-
York aus an, ein Schiff war vom Kanal aus zum Busen von Guinea bestimmt,
während die übrigen 25 vom Kanal oder von 50° N-Br aus zur Linie segelten,
Diese letzteren vollendeten ihre Reisen durchschnittlich in 26 Tagen, die beiden
von Nordamerika aus angetretenen Fahrten wurden im Mittel von 30 Tagen aus-
geführt, und die Afrikareise nahm 50 Tage in Anspruch. Hervorragend durch
ihre ganz außerordentliche Kürze sind die drei Reisen der Mitsegler „Carl“,
„Mimi“ und „Plus“, welche die Strecke Lizard—Linie in 18 und 17 Tagen
vollenden konnten. Dagegen waren für „Schiller“ auf derselben Fahrt 37 Tage
erforderlich.
Im letzten Drittel des November traten nicht weniger als zehn der auf-
geführten Schiffe ihre südwärts gerichteten Reisen an. Es waren dies: „Hugo“,
„Carl“, „Diana“, „Gustav & Oscar“, „Mimi“, „Plus“, „Paul Rickmers‘“, „Marie
Rickmers‘“, „Roland“ und „Arcturus“. Die Reisen aller nahmen einen günstigen
Verlauf; befinden sich unter ihnen doch auch jene drei, welche, wie schon er-
wähnt, die so sehr raschen Reisen ausführten. Diejenige des „Plus“, welche über-
haupt nur sehr selten übertroffen worden ist, hatte nur eine Dauer von 17 Tagen,
„Hugo“, das erste Schiff dieser Gruppe, wurde, nachdem es den Kanal am
20. November verlassen hatte, zunächst mehrere Tage durch leisen Zug und
Stille zurückgehalten. Die Folge davon war, daß er, als die folgenden Schiffe
ihre Reisen am 24. November antraten, noch nahe vor der Kanalmündung stand,
An diesem Tage stellte sich aber, hervorgerufen durch ein weiter südwärts auf-
tretendes Tiefdruckgebiet, ein kräftiger Ostwind ein, [bei dem sich rascher Fort-
yang erzielen ließ. Es war eine jener für den Monat November so bezeichnen-
den Wetterlagen, welche den vom Kanal südwärts segelnden Schiffen, wenn sie
später nicht durch die in der Südhälfte des Tiefdruckgebietes zu erwartenden
Gegenwinde aufgehalten werden, so aufserordentlich rasche Reisen zum Aequator
ermöglicht. Die hier erwähnten Schiffe trafen die Verhältnisse in dieser günstigen
Weise an. Am 24. November wehte vor der Kanalmündung ein mälfsiger Öst-
wind bei hohem, fast 780 mm erreichendem Luftdruck, welcher nach kurzer Zeit
auffrischte, so dafs die Schiffe in rascher Fahrt nach Süden vorrücken konnten.
Ks schien dann fast, als ob die Schiffe, wie dies so häufig der Fall ist, weiter
südlich noch die westlichen Gegenwinde des vorhandenen Tiefdruckgebietes er-
balten würden, denn es zeigten sich alle auf diese Veränderung hindeutenden
Umstände; mit zunehmender Entfernung vom Kanal nahm die Windstärke zu,
bis sie fast stürmisch wurde, und sank das Barometer bis auf den unweit von
35° N-Br beobachteten niedrigsten Stand von 753,5 mm. Schlielslich ereignete
sich aber der verhältnifsmälfsig seltene Fall, dafs das Tiefdruckgebiet durch ein
sich bildendes Hochdruckgebiet, wie es die Karte I darstellt, in kurzer Zeit ver-
Ann, d, Hrydr, ete., 1891, Heft YIIL