Ann. d. Hydr. ete., XV. Jahrg. (1887), Heft VII
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Der Gebrauch von Oel zur Beruhigung der See.
Von Kapitänlieutenant a. D. Rottok.
So lange schon die beruhigende Wirkung des Oels auf die Wellenkämme
der See bekannt gewesen ist, so grofs ist auch das Mifstrauen gewesen, welches
in Seemannskreisen dem praktischen Nutzen dieser Wirkung entgegengebracht
ist, und so selten und vereinzelt stehen noch die Fälle da, in welchen zur Be-
schwichtigung der das Schiff gefährdenden Wogen wirklich davon Gebrauch
gemacht worden ist.
. Schon im Alterthum wird von Aristoteles,!) Plutarch®) und dem
älteren Plinius®) dieser Eigenschaft des Oels Erwähnung gethan.
Taucher und Fischer im Mittelmeere bedienen sich dieses Mittels schon
seit Jahrhunderten zur Erzielung einer glatten Oberfläche, um in die Tiefe und
bis auf den Grund hinabsehen zu können. KEbenso ist bekannt, dafs die Fischer
an den klippenreichen Küsten Schottlands und Norwegens sich beim Passiren
von gefährlichen Barren und von Brandung der Fischleber bedienen, indem sie
mit den Händen das Oel herauspressen und. dasselbe auf das aufgeregte Wasser
träufeln, und dafs Walfischfänger in schwerem Sturm ihre Zuflucht zu Thran und
Speck nehmen.
Franklin beschäftigte sich zuerst eingehender mit der Frage und trat der-
selben näher durch eigene experimentelle Untersuchungen, aus welchen er die
Ueberzeugung von der seeglättenden Kraft des Oels gewann und dieselbe in
einer besonderen Schrift „Of the stilling of waves by the means of oil, London
1774“ (Philos. Transactions for the year 1774, Vol. LXIV) niederlegte. Er
gofs auf einen grofsen Teich zu Clapham Common bei London an der Luvseite
desselben einen Theelöffel voll Oel; alsbald entstand eine vollkommen glatte
Fläche von mehreren Quadratmetern Ausdehnung, welche, sich schnell aus-
breitend, bald die Lecseite des Teiches erreichte, „diesen ganzen Theil des
Teiches, vielleicht einen’ halben Acker, so glatt wie einen Spiegel machend“.
Franklin giebt auch bereits eine Erklärung dieser Erscheinung, auf welche
wir später zurückkommen werden.
Auch die um die Wellenlehre so hochverdienten Gebrüder Weber haben
Untersuchungen über die Wirkung des Oels angestellt und sind zu folgenden
Resultaten gelangt:
„Das Oel, wenn es auch nur in geringer Menge mit Wasser in Berührung
kommt, zeigt die Erscheinung, sich mit einer bewundernswerthen Gewalt und
Geschwindigkeit über eine grofßse Strecke desselben in Gestalt eines durch-
sichtigen, höchst dünnen Häutchens auszubreiten.
Innerhalb dieser Strecke verschwinden die kleinsten Wellen, welche die
Oberfläche des Wassers und der gröfseren Wellen kraus und uneben machen,
und die Oberfläche des Wassers wird daher spiegelnd.
Die gröfseren Wellen setzen zwar ihren Lauf durch diese Strecke hin-
durch fort, werden dabei aber selbst niedriger, und zwar in dem Grade mehr,
als die geölte Strecke, durch die sie ziehen, gröfser ist,
‘) Aristot. Problem. LXI.
*) Quaest, natur. X1.
3) Hist. nat. lib, II, cap. 103 et 106. In letzterem Kapitel lautet ea: „Ea est natura olei,
ut lucem adferat et tranaquillet omnia etiam mare, quo non aliud est elementum implacabilius“,