378 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1911.
Weise zusammengestellt, sondern auch näher gedeutet worden, wobei die von van der Stok gegebene
Einteilung der Haupttypen der Tiden in Halbtagstiden, gemischte Tiden und Eintagstiden — je nach-
dem das Verhältnis von (K, +0): (M, +8) kleiner als 0.25, zwischen 0.25 und 1.25 liegt, oder
größer als 1.25 ist — überall streng zur Durchführung gelangte und damit für die Beurteilung der
Gezeitenerscheinungen in den einzelnen Hafenplätzen den notwendigen Anhalt gewährte,
Besonders wertvoll für die Praxis dürfte sich der siebente Abschnitt erweisen, der die Dar-
stellung der Gezeiten in den verschiedenen Meeresräumen enthält und Zahlenangaben für die
harmonischen Konstanten der einzelnen Tiden der Häfen in übersichtlicher Zusammenstellung bringt.
Ausgehend von den Hafenzeiten und Hubhöhen und unter Berücksichtigung der Wassertiefen usw.
wird versucht, ein anschauliches Bild von dem Verlauf der Gezeiten in den Ozeanen und den Neben-
meeren zu gewinnen. Die Fülle des verarbeiteten Zahlenmaterials ist eine ganz erstaunliche; auch
verdient die Sorgfalt, die auf die Genauigkeit und Vollständigkeit der Zahlenwerte verwendet worden
ist, vollste Anerkennung, Bei der Durchsicht fand sich nur, daß auf Seite 250 durch ein Versehen
des Setzers die Minuten in den Hafenzeiten der Plätze von Sandy Hook bis Kap Race fort-
geblieben sind.
Auf nicht weniger als 315 Seiten (Kapitel III) sind sodann die Meeresströmungen behandelt
und zwar wieder in drei Unterabteilungen, die sich mit den Methoden der Strombeobachtungen, mit
den älteren und neueren Theorien der Strömungen und endlich mit den tatsächlichen, in den einzelnen
Ozeanen und Ozeanteilen bis heute bekannten Bewegungen beschäftigen. Wie ein roter Faden zieht
sich durch die Erörterungen die Bezugnahme auf die neue Grundlagen schaffenden Untersuchungen
W. Ekmans, die ja unseren Lesern aus Jahrgang 1906, S. 423ff., bekannt sind; wir werden uns
wieder der Wichtigkeit dieser Arbeiten voll bewußt. Ein weiteres unterscheidendes Merkmal gegenüber
der ersten Ausgabe dieses Bandes liegt darin, daß in erheblichem Maße die Strömungen auch der
Meerestiefen berücksichtigt werden konnten — davon war vor 24 Jahren noch so gut wie nicht
die Rede.
Schon durch seinen Vortrag auf dem Lübecker Geographentag 1909 sind wir darüber unter-
richtet, daß Krümmel nicht mehr den Wind als die fast alleinige oder doch ganz überwiegende
Ursache der Strömungen betrachtet, sondern daß er eine Viclheit von sogenannten »Stromkonstituenten«
annimmt, die er im Prinzip auf Seite 448 des neuen Werkes folgendermaßen gliedert: primäre, die
entweder im Wasser selbst vorhanden sein können, wie z. B. Dichteunterschiede, oder die von außen
her wirken, z. B. die Winde; dazu kommen in zweiter Linie als sekundäre Faktoren die innere Reibung,
ferner die früher nicht oder nicht genug gewürdigte Wirkung der Erdrotation, endlich die rein
geographischen Einflüsse des Küstenverlaufes, der Wassertiefen usw. Diese Stromkonstituenten werden
nun in einzelnen Abschnitten nach ihrer verschiedenen Wirksamkeit gewürdigt; bei der Reibung ist
wichtig, sich klar zu machen, daß die tatsächlichen Widerstände besonders infolge unvermeidlicher
Wirbelbildungen wohl mehrere Tausendmal größere Werte erreichen als die der experimentell fest-
gestellten »inneren Reibung« (S. 461), Für die Ergänzungs- oder Kompensationstriften wurden die
von der ersten Auflage her bekannten Wannenversuche noch weiter fortgeführt. Die Erddrehung be-
wirkt — im strengen Anschluß an Ekman —, daß der Strom der Oberfläche (nur dieser!) um 45°
von der Windrichtung abweicht, und daß die mittlere Richtung!) eines etwa 150 bis 200 m mächtigen
Triftstromes um 90° von der Windrichtung abweicht.
Interessant ist Seite 487 ff, die Erklärung der in den meisten Nebenmeeren höherer, nördlicher
Breiten vorhandenen zyklonalen Wasserbewegungen (entgegengesetzt dem Uhrzeiger), für deren
generelle Übereinstimmung bei allen lokalen Verschiedenheiten eine gemeinsame Ursache gesehen wird
in der Wirkung der die Küsten umsäumenden Gewässer geringerer Dichte; längs dieser an den Küsten
ansteigenden Dichteflächen muß die Bewegung erfolgen. — Noch von Zöppritz her stammen sieben
Seiten über die polare Herkunft des Tiefenwassers; diese klaren Ausführungen liest man immer wieder
gern. Die zurückhaltende Bewertung der Bjerknesschen Berechnungsweise von Tiefenzirkulationen
dürfte bei den meisten Ozeanographen Mitteleuropas Zustimmung finden. Petterssons Ansichten
über die Wirksamkeit der Eisschmelize auf die ozeanischen Wasserbewegungen werden nur qualitativ.
nicht quantitativ anerkannt.
Was dann die Schilderung der Strömungen, wie sie tatsächlich uns bekannt sind, betrifft,
so haben wir nunmehr ein vorzügliches, gleichmäßig durchgearbeitetes Bild der terrestrischen Wasser-
bewegungen erhalten, und wir möchten es begrüßen, daß hierbei der Verfasser bei weitem nicht in
dem strengen Maße die Klassifikation der Meeresräume durchgehalten hat wie in den entsprechenden
Kapiteln des I. Bandes bei den Tiefen und Tiefentemperaturen. Die Nebenmeere sind jeweils bei dem
Ozean, zu dem sie gehören, untergebracht, und dadurch wurde auch bei der Schilderung der Wasser-
bewegungen in den Nebenmeeren eine geographische Anordnung in der Hauptsache erreicht. Immer
von neuem überrascht dabei die erstaunliche Belesenheit des Autors, der die verschiedenartigsten Be-
obachtungen und Materialien bis in die allerneueste Zeit hinein geschickt benutzt, um ein augenblick-
lich jedenfalls unerreicht dastehendes Gemälde dieser Naturerscheinung zu entwerfen. Auch darf be-
sonders hervorgehoben werden, daß in diesem rein geographischen Teile überall, wo angängig, gemäß
den vorher erörterten, neuen theoretischen Anschauungen der Versuch gemacht ist, die Grenzen der
Wirksamkeit der einzelnen Stromkonstituenten zu umschreiben, also an konkreten Beispielen ihre Aus-
maße festzusetzen. Es würde der Bedeutung des Werkes nicht entsprechen, wenn gelegentlich dieser
Anzeige da und dort abweichende Meinungen des Referenten zum Ausdruck gebracht würden, —
Wichtig, auch für die Benutzung des I. Bandes, ist das nunmehr vorhandene Namen- und Sachregister
beider Bände, ferner eine Liste von Berichtigungen zum I. Band und endlich ein Anhang von nützlichen
Tabellen. die der Ozeanogtaph gern jederzeit zur Hand hat.
1) Hierfür wird man besser, um Mißverständnisse zu vermeiden, den auch von Krümmel
Seite 460 einmal gebrauchten Ausdruck »totales Moment« benutzen.