Erwin Prager: Der Einfluß einer Flachküste auf Wind und Niederschlagsfeld
17
getreuen Verlauf beider Kurven in Abhängigkeit vom Relief. Wie stark im Frühling und Sommer
die thermische Seite in Form von reihungsdynamisch ausgelösten Sommerschauern beteiligt ist, läßt
sich nicht abschätzen, da sie hier ja als Reibungswirkung auftritt und die verschiedene Geschwindig
keit der allgemeinen Strömung in beiden Jahreszeiten einen quantitativen Vergleich verbietet. Die
auflandige Strömung ist sommers wie winters fast völlig maritim (s. Luftmassen-Tabellen i.Anhang!)
und zeigt die ausfällende Wirkung der Reibung in eben diesem eigenartig geformten maximalen
Häufigkeitsgebiet. Allerdings ist dabei zu bedenken, daß die NW-Wetterlagen zahlenmäßig schwach
vertreten sind. Vielleicht würden die „Priele“ der Flußtäler dieses ganze Gebiet durchstoßen, wenn
nicht in der Mitte die Großstädte Bremen und Hamburg lägen. DasTal der Ems,das keineGroßstadt
trägt, zeigt in der Tat ein weiter durchstoßendes niederschlagsseltenes Gebiet. Hamburg und
Bremen ersetzen ein Hügelland in der Topographie 15 ).
Im großen gesehen zeigen die Karten also als Ergebnis, daß über Land die Niederschlagshäufig
keit groß, über See gering ist. Dem entspricht auf den entsprechenden Karten der Windverteilung
eine hohe Windgeschwindigkeit über See und eine geringe über Land. Nur im Küstenbereich selbst
ist das Bild nicht so klar.
Da sind zunächst die schon früher erwähnten scharfen Gegensätze zwischen Neuwerk und
Cuxhaven: Neuwerk mit seinen außerordentlich tiefen, Cuxhaven mit den auffallend hohen Häufig
keitswerten. Die Karte zeigt, wie hier im Lande Hadeln bis ins Amt Ritzebüttel hinein der alte
Geestrücken mit IIöltjer-Höhe, Hermanns-Berg, der Hohen Lieth und anderen Erhebungen sich bis
dicht an die See vorschiebt. Weder im Westen, in Butjadingen oder weiter im Harlinger Land, noch
an der nordfriesischen Küste ist dies in dieser Deutlichkeit der Fall. Gewiß sind es keine Gebirge,wie
etwa die Steilküste Norwegens. Der Vorgang ist hier unscheinbarer, z. T. indirekt, aber nichtsdesto
weniger in Form von Wettererscheinungen sichtbar. Es ist weniger die Höhe dieser Erhebungen, die
hier so deutlich wirkt, als die Rauhigkeit des Landes mit seinen Hügeln, Hochmooren und Forsten,
seiner Verzahnung von Marsch und Geest 15 ).
Seilkopf weist in seiner Arbeit zur orographischen Meteorologie Nordwestdeutschlands 15 ) da
rauf hin, daß über Hügelländern in der flachen Marsch oder über Großstädten durch das Relief und
die Rauhigkeit des Bodens die Turbulenz und damit das Temperaturgefälle verstärkt und als Folge
die Kondensationshöhe gesenkt werden kann. Ist der Temperaturgradient der Luftmasse aber schon
an und für sich groß, so wirkt die Rauhigkeit erst recht auslösend. Man darf sich den Vorgang so
vor stellen, daß die auf treffende Strömung nach dem Überströmen des Watts und des schmalen
Marschstreifens auf die Höhen des Geestrückens auf läuft und die Wettermerkmale einer zwangs
weise aufsteigenden Luftströmung zeigt. Sie kommen freilich erst heraus, wenn man sie durch
Mittelung vieler Lagen, wie es in dieser Arbeit geschehen ist, deutlich macht. Als zweites kommt hin
zu, daß sich die Strömung an diesem Land, das sich wie ein Molenkopf zwischen Weser und Elbe in
die See schiebt, teilt. Nach beiden Seiten kann die Luft fast ungebremst in die Mündungen abfließen.
Da sich also die Stromfäden der ankommenden Luft nach beiden Seiten (Elbe, Weser) und nach
oben teilen, muß vor der Küste ein Divergenzpunkt liegen. Dieser Divergenzpunkt ist Neuwerk. Die
Folge ist hier Neigung zu absteigender Luftbewegung oder wenigstens eine gewisse Hemmung auf
steigender Luftbewegung und der außerordentliche Tiefpunkt im Häufigkeitsbild der Nieder
schlagsverteilung. Im Gegensatz hierzu steht der Stau vor dem Geestrücken. Das Ganze kann man
sich vielleicht als Ansatz zu einer Art von Luvwirbel vorstellen. Man könnte dem entgegenhalten,
daß, wenn die Stromfäden nach den Seiten ausweichen, auch Cuxhaven auf einer Divergenzlinie
liegen müßte, sie weichen aber gerade aus, weil hier der Stau stattfindet. Dabei verengen sich hier
die Stromfäden zwar nicht in der Horizontalen, wohl aber in der Vertikalen beim Überströmen der
Höhen. Bei der Diskussion der Windrichtungen wird sich nicht nur das Divergieren in die Fluß
mündungen hinein, sondern auch die relativ hohe Windgeschwindigkeit trotz der hohen Nieder
schlagshäufigkeit über Cuxhaven zeigen, obgleich sonst die Kurven von Niederschlagshäufigkeit und
Windgeschwindigkeit entgegengesetzt laufen. Erst weiter im Lande gleicht sich diese Anomalie
wieder aus. In der Tat finden wir auf einigen Karten, z. B. 3, 4, 5, 6, 8, daß dieses Maximum über
Cuxhaven von einer geschlossenen Isolinie gebildet wird, die von der gleichen Isolinie nach dem