Dr. Joachim Blüthgen: Die Eisverhältnisse des Finnischen und Rigaischen Meerbusens
59
Die Verwendung von Durchschnittswerten für den Beginn der Vereisung besagt wenig, da das Auftreten von
Treibeis, das wechselhafte Auftreten von Küstenfesteis, Festeis ohne Treibeis, und Festeis bis zum Horizont den
Eisbeginn so kompliziert gestaltet, daß selbst ein errechneter Durchschnitt ohne Berücksichtigung der einzelnen
Eisarten und des Charakters ihres Auftretens von keiner praktischen Bedeutung sein kann. Nur einen größeren
Zeitraum kann man als die mutmaßliche Zeit des Eisbeginns angeben. Dieser wäre bei Worms (südliche Gewässer)
der 10. Dezember bis 10. Januar. — Die Enteisung dagegen ist wegen ihrer wesentlich geringeren Schwankung
eher zur Berechnung von Durchschnittswerten geeignet, die praktisch benutzbar sind. Zwar ist der Eischarakter
selbst am Schluß der Vereisung auch noch sehr wechselhaft durch das häufigere Auftreten des Treibeises, aber
als einigermaßen zuverlässigen mittleren Enteisungstermin kann man den 24. April bzw. die Tage kurz zuvor
oder danach angeben, die milden Winter sind hierbei eingerechnet.
In den letzten vier Beobachtungsjahren ist eine Abnahme der Intensität der Vereisung eingetreten, die sich
aber nicht in einem späteren Beginn äußert, sondern in einer erst später erreichten Tragfähigkeit sowie in einer
früheren Enteisung.
30. Die Eisverhältnisse von Worms (Tägl. Eisber.).
Die Eisverhältnisse der Fahrwässer von Worms (Vormsi) insgesamt stellen einen besonderen Typ dar, der
durch eine extreme Veränderlichkeit gekennzeichnet ist. Nur ein einziger Winter, 1925/26, zeigte Kontinuität von
der ersten Eisbildung bis zur Enteisung. Dieser Winter muß als der strengste angesehen werden. Dagegen zerfiel die
Vereisung 1926/27 in fünf Perioden von ungleicher Länge und ebenfalls sehr ungleicher Intensität. In diesen Fällen
ist es dann gelegentlich schon schwierig, eine Hauptvereisung auszuscheiden. 1926/27 fiel die Hauptvereisung
nicht mit dem Vorkommen starken Festeises zusammen, dieses trat vielmehr während einer Vorperiode auf, die
nicht sehr lange währte und in sich noch durch mehrere Eisarten gegliedert war. Die Hauptvereisung begann
am 11. Februar und währte bis zum 15. 4. Sie bestand größtenteils aus leichtem Festeis, einzelne Perioden mit zu
sammengeschobenem Eis bzw. Treibeis schalteten sich dazwischen.
Sieht man ab von den Einzelschwankungen, dann zeigt das Gesamtbild einen Grundzug ziemlicher Gleich
mäßigkeit. Es bedeutet, daß die Schwankungen von erstem bzw. letztem Eis durchaus denen der östlichsten
Küstenstationen entsprechen. Dieser allgemeine ausgeglichene Grundzug prägt sich ebenfalls in der Vereisung
der beiden extrem milden Winter wieder. Sie weisen zwar eine sehr geringe Vereisung auf; sie ist aber im Ver
hältnis zu der sonstigen Labilität der Eisverhältnisse immerhin beachtlich. In bezug auf die Länge steht sie den
entsprechenden Vereisungen von Hängö beispielsweise nicht nach. Die Veränderlichkeit der einzelnen Eiswinter
beruht im wesentlichen auf der Lage innerhalb eines zwar flachen und kontinental beeinflußten, aber strömungs
reichen Gewässers. Die Hauptgrundzüge, die den Rahmen der jährlichen Vereisungen bilden, werden durch die
Lage zu den Kältezentren bedingt; die Einzelheiten durch die örtlichen Strömungsverhältnisse.
Wie bereits erwähnt, sind die beweglichen Eisarten vorherrschend. Außer schweren Eispressungen sind
alle Eisarten vertreten, die sich rasch ablösen. Unter diesen Umständen bedeutet die Angabe in den letzten beiden
Berichtswintern, daß die Schiffahrt geschlossen sei und Eismeldungen fehlen, noch keineswegs, daß auch gleich
artige Eisverhältnisse, etwa starkes Festeis, geherrscht haben. Die estnischen Berichte geben auch für die gleiche
Zeit detaillierte Eisbeobachtungen (vgl. die estnischen Diagramme),
Die einzelnen Eisperioden und Teile von ihnen zeigen nicht in allen Fällen Übereinstimmung mit dem
Verlauf der Temperaturkurve von Reval. Auch hier ist es wieder nur der allgemeine Verlauf, der eine
allgemeine Parallele gestattet.
Die Extreme der Eisbildung unter Einbeziehung der milden Winter 1924/25 und 1929/30 sind der 24. No
vember bzw. 10. 2. Hierbei ist festzuhalten, daß der strengste Winter (1925/26) nicht den frühesten Eiseinsatz
aufweist, und daß der späteste Zeitpunkt der Eisbildung nur eine eintägige Eis„periode“ darstellt, die von monate
langer Eisfreiheit abgelöst wird. Eliminieren wir dieses verfrühte Eisvorkommen, das man schon eher spora
disch nennen kann, zumal die Temperaturkurve von Reval gar nicht auf Eisbildung schließen läßt —, dann setzt
das Eis erst am 16. 3. ein; die absolute Spanne beträgt demzufolge fast vier Monate.
Demgegenüber sind, wie bereits angedeutet, die Extreme der Enteisung geringer, und die Fälle gruppieren
sich enger um einen Mittelwert. Die Extreme sind der 10. 5. bzw. 31. 3., also nur mit knapp eineinhalb Mo
naten Zwischenraum. Der Mittelwert liegt um die Monatswende April—Mai. Teilweise ist der Schluß der Ver
eisung aufgelockert in kürzere Nacheisperioden, die aber zeitlich nie so weit voneinander rücken, daß von ihnen
der Durchschnitt im Einzelfalle wesentlich abhinge.