18 Aerologisclie u. hydrographische Beobachtung, d. deutsch. Marinostat. während der Kriegszeit 1914—1918. — Heft4.
für die drei Beobachtungstermine mittlere Wetterkarten entworfen. Diese haben natürlich nur pro
blematischen Wert, geben aber doch interessante Aufschlüsse über die Entwicklung des Seewindes. In
Tafel 1, Fig. 7,8,9 sind diese Karten dargestellt. Der Verlauf dieser „mittleren Isobaren“ ist bei der
Lückenhaftigkeit der Wettertelegramme im Kriege natürlich nur angenähert richtig, zumal in der Nähe
der Küste, da auf See die Beobachtungen fehlen. Aus diesen Wetterkarten ergibt sich zunächst das
nicht überraschende Resultat, daß an Seewindtagen typische Hochdrucklage herrscht und der allgemeine
Druckgradient sehr gering ist; denn nur in einem gleichmäßigen Isobarenfelde kann der Seewindgradient
zur Entwicklung kommen, was auch für die Wetterlage an den einzelnen Tagen stimmt, Der Gradient
beträgt im Mittel auf der Linie Kontinent—flandrische Küste nur 0.2 bis 0.3 mm, was einem allgemeinen
Wind von ca. 2 ms entsprechen dürfte.
Interessant ist die untertägliche Veränderung der mittleren Druck Verteilung: morgens liegt ein
Hochdruckgebiet mit konzentrischen Isobaren über Mitteldeutschland, so daß die Kanal- und Nordsee
küste südöstliche bis südliche Winde, also Landwinde hat. Dieses Hochdruckgebiet kommt offenbar
durch die nächtliche Abkühlung der Luftmassen über dem Kontinente zu Stande. Bis zum Nachmittag
hat sich diese Druckverteilung sehr geändert. Unter dem Einfluß der täglichen Erwärmung des Fest
landes ist das Flochdruckgebiet hier verschwunden und bedeckt jetzt die Nordsee, von wo der Druck
nord- und südwärts abnimmt. Demgemäß herrscht an der Kanal- und Nordseeküste Wind von See, im
Westen mehr aus südlicher, im Osten mehr aus westlicher Richtung. Man sieht, daß die Isobaren an
der Küste des Kanals sich dem Verlauf der Küste anschmiegen, so daß an der flandrischen Küste den
Isobaren ein ungefähr nördlicher Wind entspricht. Aus den 'Veränderungen der Wetterkarte vom
Morgen zum Nachmittag ergibt sich auch, daß vormittags der Druck über der See steigt, über dem
Lande fällt. Die Abendkarte ist der Nachmittagskarte sehr ähnlich, womit übereinstimmt, daß um 8 Uhr
der Seewind oft noch vorhanden ist. Doch ist zu erkennen, daß im Laufe des Nachmittags der Luftdruck
über dem Festlande wieder gestiegen, über der See gefallen ist. Auch diese Karte zeigt das Umbiegen
der Isobaren an der flandrischen Küste.
Es sei darauf hingewiesen, daß diese Feststellungen auch für die prognostische Praxis von In
teresse sind, da sie einen Anhaltspunkt dafür liefern, unter welchen Bedingungen der Seewind auftritt.
Ohne diese Ergebnisse zu kennen, bin ich bereits im Felde darauf aufmerksam geworden, daß
solche Wetterlagen dem Auftreten des Seewindes günstig waren. Die Prognose des Seewindes war so
wohl für unsere Aufstiegstechnik von Wichtigkeit, da man vermeiden mußte, mit Fesselballons vom See
winde überrascht zu werden, als auch für die an der Küste stationierten Fesselballonabteilungen, die
Artillerie kleineren Kalibers und die Technik der Gasangriffe. In meinem Tagebuch finden sich wieder
holt Bemerkungen über die Rolle des Seewindes bei Gasangriffen. Es war notwendig, auf den täg
lichen Windwechsel an der Küste zu achten, da ein Gasangriff, der unglücklicherweise mit dem Kentern
des Windes zusammenfiel, verhängnisvolle Folgen hätte haben können.