II.
Die Verdunstung aui dem Meere.
Erstes Kapitel.
Die wichtigsten bisherigen Versuche, die Verdunstung
auf dem Meere zu bestimmen.
Die Verdunstung auf dem Meere ist in dem ursächlichen Zusammenhang mit vielen Fragen der
Ozeanographie und der Meteorologie, und in Verknüpfung mit Niederschlag und Abfluß auch mit der Wirt
schaft und dem Dasein des Menschen so wichtig, daß schon früh Versuche unternommen wurden, sie in
wirklich wissenschaftlicher Weise zu ergründen. Zunächst ist es die Bedeutung der Verdunstung im
Kreislauf des Wassers, die uns interessiert. Durch sie gelangen die Wasserdampfmengen in die Atmo
sphäre, die dann als Niederschläge in verschiedenster Form fallen, um nach Leistung mannigfacher Arbeit
teils direkt, teils auf Umwegen wieder zum Meere zurückzukehren. Brückner 1 ), Fritzsche 3 ) und
Meinardus 3 ) haben sich am eingehendsten mit diesem Kreislauf beschäftigt. Nach Brückner und
Fritzsche verdunsten alljährlich 405300 Kubikkilometer Wasser 4 ), und davon 82 °/o auf dem Meere.
Allerdings fällt hei der Größe der Meere auch der größte Teil wieder auf dem Meere als Niederschlag,
aber immerhin muß etwa ein Drittel des Landregens vom Meere stammen.
Ist die Verdunstung auf dem Meere als wichtiges Glied des Kreislaufes des Wassers von all.
gemeinstem Interesse und ihre zahlenmäßige Festlegung unumgänglich nötig, so greift sie in die Ozeano
graphie irr mehr spezielle Probleme hinein. Schon Maury 5 ) nimmt in den Passatregionen ein Salzgehalt
maximum an und erklärt es durch die Verdunstung. Die Salzgehaltsunterschicde durch Verdunstung sind
wieder unter Umständen als genügende Ursache für Meeresströmungen anzusehen. Wie für die Horizontal
zirkulation der Meere ist die Verdunstung zweifellos auch für die Vertikalzirkulation von großer Bedeutung,
wie Erörterungen von Schott®), Krümmel 7 ), Brennecke 8 ) und anderen ergeben. Wie weit schließlich
die Verdunstung in physikalisch-meteorologische Vorgänge z. B. durch die teilweise Bindung der von der
Sonne zugeführten Wärmemengen eingreift, läßt sich zurzeit schwer abschätzen, aber Krümmel 9 ) nimmt
in den tropischen Meeren bei einer täglichen Verdunstung von 5 mm einen Verbrauch von 300 Kalorien
pro Quadratzentimeter an; das ist die Hälfte der bei Tage zugeführten Sonnenwärme.
Trotz dieser Bedeutung der Verdunstung auf dem Meere für so mannigfache Vorgänge ist bisher sein-
wenig Sicheres über sie bekannt geworden. Der Grund liegt in der großen Schwierigkeit der Beobachtung auf
See, während die Verdunstung auf dem Lande leichter zu bestimmen ist. Direkte Versuche, die Ver
dunstung auf dem Meere zu bestimmen — eigentlich sind sie schon indirekt, da einwandfrei wohl
nur über, nicht a u f der Meeresoberfläche gearbeitet werden kann — liegen wenige vor. T. W. L a i d 1 e y 10 )
hat auf einer Reise von England nach Kalkutta destilliertes Wasser aus einer Glasröhre, deren Enden
mit porösen Substanzen verschlossen waren, verdunsten lassen. Die Röhre hing im Schatten, jedoch dem
] ) Brückner, Abfluß und Verdunstung. Met. Ztscbr, 1887, Litt. B. 563. I)ers., Die Herkunft des Regens. Geogr.
Zt-schr., 1900 und Int. Geogr. Kongr. 1899. Ilers,, Die Bilanz des Kreislaufes des Wassers auf der Erde. Geogr. Ztschr. 1905.
-) Fritzsche, Niederschlag, Abfluß und Verdunstung auf den Landflächen der Erde. Diss. Halle 1906.
3 ) Meinardus, Über den Kreislauf des Wassers. Sitz.-Her. d. Naturhist. Ver. f. Rheinland u. Westf., 1908. Bonn 1909.
4 ) D ie Zahl beruht auf Rechnung, nicht auf Beobachtung.
6 ) Maury, Die physische Geographie des Meeres, II. Auf!., S. 67.
6 ) Deutsche Tiefsee-Expedition, Bd. Ozeanographie.
’) Krümmel, Handbuch der Ozeanographie, S. 394.
s ) Forschungsreise S. M. S. Planet, Bd. III, Ozeanographie, S. 96.
9 1 A. a. O. S. 393.
1(l ) L aidley, T. W., Observations on the Rate of Evaporation on the open Seu. Jouru. Asiat. Soe. Bengal, 1845.