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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1937.
Über die Abweichungen zwischen Wind und geostrophischem Wind
in der freien Atmosphäre.
Von F. Möller, Berlin und P, Sieber, Frankfurt a. M.
Zusammenfassung: Der Differenzvektor 6 zwischen dem Wind v in der freien Atmosphäre und
dem geostrophischen Wind v,„ wird in seiner Abhängigkeit von Richtung und Größe des horizontalen
Gradienten der dreistündigen Luftdruckänderung untersucht, Aus einer Bearbeitung von Piloten
und von Höhenwindmessungen mittels Drachen ergibt sich. in gleicher Weise, daß $ vorhanden ist,
daß seine Größe mit der Größe. des Isallobarengradienten wächst und seine Richtung parallel den
Linien gleicher Druckänderung weist, wobei der Luftdruck fall rechts liegt.
Es ist eine Erfahrungstatsache, daß der Wind in der freien Atmosphäre im
allgemeinen mit dem theoretisch berechneten geostrophischen Wind übereinstimmt.
Der Vektor der horizontalen Luftbewegung ist dann so beschaffen, daß der durch
ihn bestimmte horizontale Anteil der Corioliskraft im Gleichgewicht steht mit
dem horizontalen Druckgefälle:
Ixb=-— UP. . x
Diese Beziehung ist zwar nur selten?!) zahlenmäßig nachgeprüft worden; an
der annähernden Übereinstimmung des Windes mit dem geostrophischen Wind,
die schon bekannt war, als der Wind der freien Atmosphäre nur aus dem
Wolkenzug ermittelt und der geostrophische Wind aus der Bodendruckkarte
berechnet werden konnte, ist jedoch auch Ohnedies nicht zu zweifeln. Ein
gemessener Höhenwind ist geeignet, eine gezeichnete Höhendruckkarte zu kon-
trollieren und sogar nach außen hin zu ergänzen; ebenso kann bei Vorliegen
von Topographien hochgelegener Druckflächen, die aus Druck- und Temperatur-
messungen bestimmt sind, der herrschende Wind durch den geostrophischen mit
guter Genauigkeit (2 bis 3 m/sec) angegeben werden, auch wenn keine Messungen
des Windes vorliegen.
Die Genauigkeit der Angabe dürfte bei beiden Größen ungefähr die gleiche
sein: Der Wind wird meist nicht genauer als auf 10° (oder 11'/,” = 1 Kompaß-
strich) in der Richtung und 1 m/sec in der Geschwindigkeit angegeben. Die
Genauigkeit des geostrophischen Windes hängt von der Zeichengenauigkeit der
benutzten Druckkarte oder Topographie ab. KEine Sicherheit von mehr als
1 m/sec ist jedoch ebenfalls infolge der Grenzen der Zeichengenauigkeit schwer
zu erreichen. Die Fehlerquellen in den zugrunde gelegten Messungen beider
Größen sollen hier gar nicht besprochen werden; sie sind aber mindestens von
gleicher Größenordnung.
So brauchbar die Annahme der Übereinstimmung zwischen wirklichem Wind
und geostrophischem Wind für die Praxis ist, so unbefriedigend ist sie für die
Theorie. Der geostrophische Wind ist, wie sich zeigen läßt, divergenzfrei,
Wenn überall geostrophischer Wind herrschte, dann gäbe es keine horizontalen
Konvergenzen und Divergenzen in der freien Atmosphäre und damit auch kein
Aufgleiten und Absinken und keine Wettererscheinungen schlechthin. Dies ist
natürlich eine unmögliche Vorstellung. Ebenso läßt sich zeigen, daß in einem
geostrophischen Windfelde auch keine zeitlichen Druckänderungen möglich sind.
Ertel?) sucht aus dieser Schwierigkeit einen Ausweg, indem er Diskontinuitäten
im sonst geostrophischen Windfelde annimmt, die er dann als Sitz der Druck-
änderungen und des Wetters nachweisen kann. Ebenso leicht läßt sich aber die
Schwierigkeit umgehen, indem man Abweichungen zwischen Wind und geostro-
phischem Wind auch in der Theorie bestehen läßt, Für die Größe der Konvergenzen
und Divergenzen lassen sich dann leicht Ableitungen entwickeln®. Auch ist
schon verschiedentlich darauf hingewiesen worden, daß solche Betrachtungen eben
nur mit dem Wind‘) nicht mit dem geostrophischen Wind oder mit dem Druck-
feld durchgeführt werden dürfen.
1) E. Gold: Barometric Gradient and Windforce, London 1908, — %) H. Ertel: Met. Zschr. 53
1936, 280. — 3) F. Baur und H. Philipps: Beitr. Phys. d. fr. Atm. 24, 1936, 1. — *) R. Scherhagn
Ann. d. Hydr. 62, 1934, 152,