Knipowitsch, N.: Hydrologische Untersuchungen im Europäischen Kismeer. 339
71° 13’N-Br. und 37° 51’O-Lg. Mit Ausnahme von den östlichen Teilen der
Murman-Küste in der Nähe von der Küste selbst und dem Gebiet am. Ein-
gang in das Weiße Meer, war die Murman-Küste zu dieser Zeit frei vom Eis.
Diese Angaben zusammenfassend, können wir feststellen, daß am Ende des
Winters im Jahre 1901 frei vom Eis ungefähr derjenige Teil des Nordkap-
stroms und seiner Zweige blieb, welcher im Sommer von kalten oberen
Schichten nicht bedeckt wird. Eine Ausnahme machen nur die östlichen Teile
der Murman-Strömung und ihrer Nebenzweige. In anderen Jahren kann die
Eisgrenze auf dem Meridian des Kola-Fjords etwas mehr nach Süden vor-
rücken: so fand man hier am 16. Juni 1902 die Eisgrenze unter 73'/,° N-Br.,
(von hier ging diese Grenze nach Südost), am 4. Mai 1903 unter 73° 40’ N-Br.
Es sei noch: bemerkt, daß im Anfang Februar 1904 das Meer auf dem Meridian
des Kola-Fjords bis 74° N-Br. frei war.
Auch zu anderen Jahreszeiten kann man sich oft überzeugen, welchen
großen Einfluß die Zweige und Nebenzweige des Golfstroms auf die Ver-
breitung des Eises im Europäischen Eismeer ausüben.
Was speziell die Murman-Küste anbetrifft, so bildet die Murman-
Strömung sowie andere Zweige des Nordkapstroms eine Barriere gegen das
von Norden vorrückende Eis. Das Eis, welches wir längs der östlichen Teile
der Murman-Küste im Frühjahr finden, dringt hierher als Regel (oder viel-
leicht ausschließlich) von Osten aus dem Gebiet des Einganges in das Weiße
Meer sowie aus dem Gebiet der Flachsee des östlichen Murman-Meeres, wo
verschiedene Ursachen die massenhafte Bildung des Eises hervorrufen. Relativ
geringer Einfluß der warmen Strömungen, starker abkühlender Einfluß der
Küsten im Winter, geringer Salzgehalt — dies alles trägt zur Bildung von
sehr großen Massen des Eises bei. .
Die Bildung des Eises in Fjorden der Murman-Küste mit Ausnahme
von dem östlichen Ende dieser Küste ist im ganzen unbedeutend. Nur die
tief ins Land einschneidenden Fjorde bedecken sich im Winter mit Eis. Im
Hafen Jekaterininskaja bleibt das Eis nur sehr kurze Zeit und ist nicht stark,
Abgesehen von einigen tief einschneidenden Fjorden und den östlichen Teilen
der Küste, welche relativ geringe praktische Bedeutung haben, ist die Murman-
Küste so gut wie vollständig eisfrei und immer trotz ihrer Lage im äußersten
Norden für die Schiffahrt zugänglich.
VI. Einige biologische und geologische Schlußfolgerungen.
Es bleibt mir noch übrig, in aller Kürze einige biologische und geolo-
gische Resultate der hydrologischen Untersuchungen im Europäischen Eismeer
anzudeuten.
Wie bekannt, hängen sowohl die allgemeine Zusammensetzung der Fauna
und Flora wie die Verbreitung einzelner Arten und Varietäten, ihre Varia-
tionen, der relative Reichtum an Individuen, der blühende Zustand oder Ver-
kümmerung derselben usw. in erster Linie von physikalisch-geographischen
Existenzbedingungen ab. Diese Bedingungen üben ihren Einfluß auf die Fauna
und die Flora der Gewässer sowohl direkt wie auch indirekt aus, d.h. durch
andere Organismen, die mit den in Betracht kommenden Tieren und Pflanzen
in engem biologischen Zusammenhang stehen, Außerdem sind auch die geolo-
gisehen Ursachen, deren Wirkung in der jetzigen Verbreitung der Organismen
sich so oft und so deutlich kundgibt, wieder in erster Linie auf die physikalisch-
geographischen Verhältnisse der verflossenen “geologischen Periode zurück-
zuführen,
Um zu einer richtigen Deutung der in den jetzigen Meeren sich ab-
spielenden biologischen Phänome zu gelangen und dadurch einen Schlüssel
zur geologischen Geschichte der Meere zu bekommen, ist eine genaue, tief-
greifende, möglichst vollständige Kenntnis der Existenzbedingungen einzelner
Arten unumgänglich nötig. Nur eine solche Kenntnis kann eine feste Grund-
lage für die Lösung der verschiedensten, zum Teil überaus wichtigen Fragen
bilden.