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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte lind des Marineobservatoriums. — 60. Band. Nr. 6/7.
Europas gestalten. Es würde zu weit führen, sich ausführlicher mit Einzelheiten der Kaltluft
zufuhr über dem Barentsmeer zu befassen; denn es liegt außerhalb unseres Untersuehungs-
bereichs. Da aber die Kaltluftzufuhr von dort prinzipiell für Lappland fundamentale Bedeutung
besitzt, müssen wir daher des Verständnisses halber einen Überblick über ihre Dynamik geben.
Wir können hier auf eine anschauliche Schilderung Präge rs (1933, S. 322) aus dem Barents
meer zur Zeit des dortigen Hochwinters (März) zurückgreifen:
„Selbst wenn man die Arktische Front nicht, wie es plausiblerweise geschieht und wie es für den Vorfrühling zum
mindesten sicher zutrifft, an der südlichen Eisgrenze lokalisiert, sondern sie als südlicher gelegen annimmt, so liegt
das Ursprungsgebiet der AL (arktisdien Kaltluft) doch stets innerhalb dieser Grenze. Die Unterlage, die das Ur
sprungsgebiet der AL bildet, ist in ihrer thermischen Wirkung durchaus gleichartig, sie ist in jedem Falle Eis, einerlei,
ob sich darunter nun Kontinent oder Meer befindet. 44 ) Man darf bei der Kennzeichnung frischer AL, mit der man cs
hier im hohen Norden zu tun hat, wohl auf die Zusätze m und c verzichten. Wie aber auch immer die Temperatur
einer KM (Kaltluftmasse) arktischen Ursprungs sein mag, sie fließt, sobald sie überhaupt über Wasser fließt, damit
auch stets über wärmeres Wasser, ihr Temperaturgradient wird unten sofort überadiabatisch, die aufgenommene
Feuchte wird über das Kondensationsniveau geschafft, und die in ihrer ganzen Ausdehnung über See turbulente KM
wird in ihrer ganzen Ausdehnung Sdiauerluft. Kommt zu dieser Schauerwirkung noch die Wirkung des Einbruchs
dieser KM in eine wärme Luftmasse, so wird die Schauerfolge so dicht und die Schauer werden so stark, daß man,
wenn man auf einem Sdiiff darin sitzt, von dem Bilde des Kaltlufteinbruchs unserer südlidien Breiten, das wir gewöhnt
sind, nichts mehr wiederfindet. Diese Erscheinungen, die für den hohen Norden (zum wenigsten im Vorfrühling)
typisch sind, treten unter Island sowohl wie im Barentsmeer in allen Abstufungen auf." — „So ist im hohen Norden
ein Frontdurchgang seiner äußeren Erscheinung nadi fast immer verwischt: man hat zunächst Schauer leichterer Art
(auch unter Island ist dies das für den Frühling typische Bild), die wie schmale oder breitere Säulen über See stehen.
Nach Annäherung einer Konvergenz werden die Sdiauer dichter und rücken zusammen. Geht das Tief vorbei, so
kann die Schauertätigkeit so dicht werden, daß man Stunden im Schnee fährt. Hinter der Front, wenn man clie Be
zeichnung beibehalten will, rücken die Schauer zögernd wieder auseinander und klingen zu dem Standard der neuen
Luftmassen ab, der höher als der der alten liegt. Schauer sind zu dieser Jahreszeit aber das typische Wetterbild des
ganzen Seeraums im Norden.“
Diese Zitate mögen genügen, um die nördlich Europas herrschenden Hoch winterverhält -
nisse zu charakterisieren, die vornehmlich vom Februar ab auf Nordeuropa über greifen. Die
von Prager ferner noch erwähnte Beobachtung des südöstlichen Kurses der Druck Störungen
von der Bäreninsel zum Weißen Meer entspricht den Feststellungen der vorliegenden Unter
suchung.
Es obliegt uns noch zu untersuchen, ob singuläre KE bzw. KE-Häufungen — im Gegensatz
zu den rein zufälligen —. die für Mitteleuropa typisch sind, auch für diesen Teil Europas Gül
tigkeit besitzen. Die von A. Peppier (1932) für Nordschweden gefundene Unterbrechung des
Abtauprozesses um den 1. April fällt zusammen mit einem ähnlichen Ereignis in Südschweden,
hier jedoch in dem Übergang von cler beständigen winterlichen Schneedecke zu der nachfolgen
den sporadischen, die durch die KE bedingt ist. Auf der Schneekoppe hat G. Schinze (1932 [d])
ähnliche Zacken cler Schneehöhenkurve festgestellt. Wir erkennen in ihnen entsprediend
unserer KE-Statistik clas Einsetzen der von Norden nach Süden fortschreitenden Polarluftvor-
stöfie vom Eismeer nach Skandinavien. Sie bewirken am Anfang ihrer Periode naturgemäß den
stärksten winterlichen Riicksdilag, der erst allmählich durch die fortschreitende Insolation aus-
geglidien wird. Audi die auf Nsk-KE zurückgehende Maikälte der „Eisheiligen“ setzt sich, wie
schon Aßmann (1885) betont hat, von Sdiweden aus kommend über das Ostseegebiet nach
Mitteleuropa fort, wo sie entsprediend ein bis zwei Tage später eintrifft. So wie die Eisnieer-
kaltluft im Winter über dem Inneren Lapplands „kontinentalisiert“ wird (durch Frostverschär
fung, Abtrocknung, Aufheiterung usw.), so wird sie es auch in äußerst raschem Maße während
der Zeit zunehmender Insolation, nur dann mit umgekehrtem Temperaturvorzeichen. Das hat
J. Kiittner (1937) an Hancl von Beobachtungen in Kemijärvi überzeugend dargestellt, ein
Vorgang, den idi mehrfach beobachtet habe und für das Sommerklima Lapplands als wesent
lich hingestellt habe (Bliithgen, 1940 [b]). Diese Tatsadie sei zum Vergleich mit den winterlichen
Verhältnissen angeführt, im übrigen hat sie mit KE in unserem Sinne nur in den Übergangs
monaten noch etwas zu tun.
44 ) In diesem Punkte irrt P. insofern, als das Eis durchaus einen Teil der von unten kommenden Wasserwärme
durchlassen und der Luft mitteilen kann (Forschungen Sverdrups und Malmgrens ■/.. B.), daß aber diese
Wirkung erst durch die mehr oder weniger mächtige Schneedecke darüber weitgehend aufgefangen wird.